Suche

Tags Filter

E-Zigaretten: Der Missbrauch birgt Gefahren

E-Zigaretten machen im Moment wegen diverser Todesfälle in den USA von sich reden. Die AT hat mit Reto Auer, Allgemeinmediziner und Professor für Hausarztmedizin an den Universitäten Bern und Lausanne, über die Risiken der Produkte gesprochen.

In den USA sind bereits über 40 Menschen an den Folgen des E-Zigaretten-Konsums gestorben. Was weiss man bis jetzt über den Auslöser?
Reto Auer: Das Centers for Disease Control and Prevention CDC, die Gesundheitsbehörde der USA, ist den Fällen vorbildlich nachgegangen und – noch wichtiger – hat die benutzten Füllflüssigkeiten analysiert. Anscheinend ist in den meisten Fällen Vitamin-E-Azetat der Auslöser für die Todesfälle oder Lungenschäden. Der ölige Stoff kommt meistens beim Strecken von illegal verkauften Cannabis-Kartuschen zum Einsatz. In den USA herrscht in dieser Hinsicht eine aussergewöhnliche Situation. Das Dampfen von Cannabis ist innerhalb kurzer Zeit extrem populär geworden. Die jungen Leute wollen möglichst hochdosiertes Cannabis konsumieren mit bis zu 90% THC im Dampf. Diese Form des Cannabis-Konsums gab es bisher nicht. Das THC wird zuerst mit Chemikalien und Gasen aus den Pflanzen extrahiert und dann in flüssiger Form, manchmal zusammen mit Streckstoffen, bei 200 Grad eingeatmet. Somit könnten in Zukunft noch weitere toxische Substanzen als Ursache von Lungenschäden identifiziert werden.

Wieso benutzen so viele E-Zigaretten zum Cannabis-Konsum?
Viele Konsumentinnen und Konsumenten glauben: Cannabis ist nicht so gefährlich, die E-Zigarette ist nicht so gefährlich – also ist es die Kombination auch nicht. Das ist ein fataler Denkfehler. Es gibt keine Studien, die die Sicherheit beim Einatmen von Cannabis in öliger Form geprüft haben. Öl sollte aber prinzipiell nie in die Lunge gelangen. Die Konsumentinnen und Konsumenten, die solche Cannabis-Öle auf dem Schwarzmarkt kaufen, können sich damit innerhalb weniger Tage gesundheitlich zugrunde richten.

Besteht die Gefahr auch in der Schweiz?
In der Schweiz sind die Flüssigkeiten, die zum Rauchstopp benutzt werden, generell viel besser reguliert. Die Gefahr besteht hauptsächlich bei illegal hergestellten und verkauften cannabishaltigen Kartuschen. THC-haltige Flüssigkeiten sind in der Schweiz verboten. Aber auch bei uns gibt es einen Schwarzmarkt für THC-haltige Liquids.Als Folge der Todesfälle und des enormen hohen E-Zigaretten-Konsums in den USA haben einige Bundesstaaten beschlossen, aromatisierte E-Liquids zu verbieten. Eine sinnvolle Massnahme? Die Behörden in den USA versuchen mit dem Verbot von aromatisierten E-Liquids den Konsum von E-Zigaretten bei Jugendlichen einzuschränken. Regulationen sollten aber immer die zwei Arten von Konsumentinnen und Konsumenten im Auge haben: Denn neben den Jugendlichen, die mit dem Verbot vom Konsum abgehalten werden sollen, gibt es viele Raucherinnen und Raucher, die mit herkömmlichen Zigaretten aufhören wollen oder die E-Zigarette als weniger schädliche Alternative nutzen. Für diese Konsumentinnen und Konsumenten ist eine grosse Auswahl an Aromen sicherlich hilfreich. Ich glaube, kein Jugendlicher wird durch das Verbot von bestimmten Aromen vom Probieren abgehalten. Ich sehe auch nicht, wie solch ein Verbot den Konsum von illegalen THC-haltigen Ölen einschränken soll. Es gäbe weitere und viel wirksamere Massnahmen, allen voran ein Werbeverbot, das es in den USA aber sicherlich noch schwerer haben wird als anderswo.

Auch in der Schweiz experimentieren viele Jugendliche mit E-Zigaretten. Ist eine E-Zigarette schon eine zu viel? Auch in Bezug auf die Abhängigkeit?
Ein Herumexperimentieren wird es immer geben und die Werbung für Zigaretten und E-Zigaretten stimuliert zusätzlich dazu. Da das Hirn von Jugendlichen sehr anfällig ist auf Nikotin, lautet die entscheidende Frage: Wie süchtig macht das Produkt? Wenn schon E-Zigaretten an Jugendliche verkauft werden, dann sollte das Produkt wenigstens kein hochdosiertes Nikotin enthalten. Eine Limitierung auf 20mg/ml Nikotin, wie sie in der Schweiz und der EU besteht, ist sicher gut. Grundsätzlich sollten wir über die Diskussion zu E-Zigaretten aber nicht das Hauptproblem aus den Augen verlieren: Nach wie vor gibt es einen erschreckend grossen Anteil von Jugendlichen, die täglich herkömmliche Zigaretten rauchen. Die Katastrophe ist also bereits angerichtet.

Die European Respiratory Society (ERS) hält E-Zigaretten als Entwöhnungshilfe für ungeeignet. Public Health England dagegen spricht sich für E-Zigaretten aus. Sie selbst leiten die Studie «ESTxENDS», die die Wirksamkeit, Sicherheit und Toxikologie von E-Zigaretten zur Rauchentwöhnung untersucht. Eignen sich E-Zigaretten zur Rauchentwöhnung?
Wir hoffen, mit unserer Studie einen Beitrag zur Klärung genau dieser Frage leisten zu können. Als Leiter einer laufenden Studie bin ich nicht derjenige, der dazu Stellung nehmen sollte. Grundsätzlich gibt es bereits einige Studien, die eine positive Wirkung nahelegen. Aber für ein abschliessendes Urteil, insbesondere über die langfristige Sicherheit, braucht es noch mehr Forschung. Fachpersonen in der Schweiz sind nach einem Delphi-Prozess zum Schluss gekommen, dass man E-Zigaretten empfehlen kann, wenn alle anderen Aufhörhilfen nicht gewirkt haben. Denn sie werden bestimmt weniger Schaden anrichten als Zigaretten.

Regelung E-Zigaretten
Mehrere Jahre lang war der Verkauf von nikotinhaltigen Liquids für E-Zigaretten in der Schweiz verboten, dies aufgrund einer Verfügung des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Verinärwesen (BLV). Nach der Klage eines Schweizer E-Zigaretten-Händlers hob das Verwaltungsgericht im April 2018 das Verkaufsverbot auf. Die Füllflüssigkeiten unterstehen nun auch in der Schweiz der EU-Richtlinie für Tabakerzeugnisse. Die Richtlinie beschränkt unter anderem den Nikotingehalt auf 20 mg/ml und verbietet bestimmte Zusatzstoffe. Durch die plötzliche Aufhebung des Verkaufsverbots sind E-Zigaretten in der Schweiz generell erst mangelhaft reguliert

 

Schlagwörter: E-Zigaretten

Suche

Tags Filter

rauchstopplinie